Abstraktes und Theorie

Noch eine kleine Ergänzung zu den sehr guten Artikeln über Divergenzen (ausgehend von folgendem Kommentar hier):

Meiner Meinung nach lassen sich Divergenzen in den klassischen preisbasierten Indikatoren relativ gut nutzen: Du hast hat in den Beispielen ja MACD, RSI und Stochastik gezeigt.

Man muß sich dabei jedoch immer vor Augen halten, warum in einem solchen Indikator, der ja nichts anderes ist als ein Derivat der bekannten Kursdaten, eine Divergenz entsteht: praktisch immer deshalb, weil ein erster Kursanstieg von einem zweiten gefolgt ist, der schwächer ist als der erste. Daraus folgt erstens, dass eine Divergenz in einem preisbasierten Indikator massiv von den verwendeten Parametereinstellungen abhängt. Zweitens bedeutet das, dass eine Divergenz nicht “vorauslaufend” im klassischen Sinne ist, sondern ähnlich dem Momentumindikator (der ja immer wieder kritiklos als vorauslaufend charakterisiert wird) lediglich eine Abschwächung im Trend anzeigt. Das kann wiederum als starkes Signal interpretiert werden, aber auch Divergenzen sagen die Zukunft nicht vorher. Das klingt etwas abstrakt, aber an einem Chart wird das ziemlich schnell klar. Und drittens sollten Divergenzen nach außergewöhnlich starken Bewegungen immer mit Vorsicht betrachtet werden (weil eine außergewöhnlich starke Bewegung ja “außergewöhnlich” ist und jede folgende daher vermutlich schwächer sein und damit eine Divergenz auslösen wird, ganz egal ob das jetzt ein Trendwendesignal ist oder nicht).

Richtig stark werden Divergenzen, wenn man preisunabhängige Daten/Indikatoren verwendet, weil die eben keine Ableitung der bekannten Kursdaten sind. Klassischerweise zählen dazu die A/D-Linie oder auch das On Balance Volume. Im Prinzip zählt auch der Vergleich eines Index mit einem anderen dazu: im Moment gibt es z.B. eine massive Divergenz in den Kursverläufen des DJ Industrial und des DJ Transporation Average. Gibt auf jeden Fall noch eine Menge anderer Beispiele.

Um das ganze etwas zu veranschaulichen, soll folgender Chart dienen:

Synthetischer Chart (hypothetischer Verlauf) mit folgenden Indikatoren: Momentum, RSI und modifiziertem MACD.

Sieht auf den ersten Blick etwas kompliziert aus, ist aber relativ einfach: ganz unten ist ein gedachter Kursverlauf eingezeichnet, wobei jede Auf- und Abwärtsbewegung exakt 10 Kerzen lang ist. Die Indikatoren sind von oben nach unten: Momentum(10), RSI(10) und ein etwas modifzierter MACD(12/26/9). Man kann schön erkennen, dass es sich um einen intakten Aufwärtstrend mit higher Highs und higher Lows handelt, wobei die Bewegung B deutlich stärker ist als die folgende Bewegung C, was dann in allen betrachteten Indikatoren eine Divergenz auslöst (orange Linien). Die Bewegung D ist dann aber wieder stärker, so dass aus dem Signal, das die Divergenz geliefert hat, nichts geworden ist. (Der Fairness halber habe ich auch noch einen Chart erstellt, der dem entspricht, was man sich wünscht.)

Chart wie oben, alternativer Kursverlauf nach der Divergenz

Da das Momentum und der RSI eine Parametereinstellung haben, die mit der gewählten Periodenzahl 10 pro Bewegung übereinstimmt, liefern sie optimale Ergebnisse, d.h. ihr Hoch fällt mit dem Hoch im Kursverlauf zusammen; der MACD hängt deutlich hinterher (würde er auch mit kleineren Parametern, da er einfach aufgrund seiner Berechnung zu langsam ist).

Also: Divergenzen in preisbasierten Indikatoren zeigen nichts anderes an als eine Abschwächung des Trends bzw. die relative Stärke/Schwäche einer Bewegung in Relation zu den vorhergehenden Bewegungen. Sie sind daher prinzipiell nicht als vorauslaufend anzusehen.

Oben hatte ich auch die preisunabhängigen Indikatoren erwähnt, die meiner Meinung nach deutlich stärker sind als RSI und Konsorten, da sie prinzipiell eine Vorhersage ermöglichen können. Hier ein paar Beispiele:

Nasdaq 100, Sommer 2011, Divergenzen in der A/D-Linie und im avgDD Indikator

Schön zu sehen, dass der Nasdaq im Juli 2011 ein höheres Hoch hinlegt und sogar einen Widerstand überwindet. Allerdings zieht die A/D-Linie nicht mit und bildet ein lower High aus (ebenfalls der avgDD Indikator, der den durchschnittlichen Abstand aller Nasdaq 100 Aktien von ihrem 52-Wochenhoch mißt). Im Klartext heißt das: der letzte Kursanstieg wurde nur von wenigen Aktien getragen, die breite Masse der Aktien ist jedoch gefallen. Ein solches Phänomen gabs auch während der Finanzkrise 2008, als der DAX nur deshalb nicht weiter abgestürzt ist, weil VW durch die Decke ging. (Aktueller Artikel, der das Thema streift: Where the DJIA Would Be with AAPL Instead of CSCO; Antwort aus dem Artikel: wenn 2009 nicht Cisco in den Dow Jones aufgenommen worden wäre, sondern Apple, dann stünde der Dow heute mehr als 10% höher als im Moment.)

Ganz aktuell auch die Divergenz zwischen Dow Jones Industrial und Dow Jones Transportation Average. Entsprechend der Dow Theory müssen sich beide Indizes in ihrer Bewegung bestätigen, damit der Trend intakt ist. Momentan nicht der Fall:

Dow Jones Industrial Average (Candles) und Dow Jones Transportation Average (Linie)

Der Transporatation Average hat sein Hoch im Februar gemacht und während der DJIA weiter nach oben zieht, gehts für den DJTA nach unten.

Im folgenden Chart ist die Divergenz zwischen Aktien und Anleihen schön zu sehen: “eigentlich” laufen die Renditen von US Treasuries und die Aktienkurse synchron, da (vereinfacht) bei fallenden Aktienkursen mehr Geld in vermeintlich sichere Staatsanleihen fließt und damit die Renditen gedrückt werden bzw. umgekehrt. Momentan stimmt da etwas gewaltig nicht:

Dow Jones Industrial Average und 10-year Treasury Note yield

Was diese Beispiele jetzt konkret bedeuten, muß jeder in seiner Analyse selber wissen, aber sie verdeutlichen, dass man sehr gut andere als preisbasierte Indikatoren verwenden kann und Divergenzen dann eine extrem wichtige Rolle spielen.

Teil 7: Spickzettel